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Nachhaltigkeit

Erde zu Erde

Posted by juergenraich on

Die Basics

Ein Garten, auch ein kleiner, wirft zwangsläufig Biomasse ab. Die Menge ist anfangs sehr überschaubar und passt mit etwas Geschick in die Papierbeutel der städtischen Abfallentsorgung. Sobald der Bewuchs aber angewachsen ist, Bäume zurückgeschnitten und Hecken gestutzt werden, der Rasenschnitt abgetragen wird und vielleicht auch mal eine Neuerrungenschaft nicht wie geplant anwurzelt, erreicht sie schnell recht stattliche Ausmaße. Spätestens wenn im Herbst die ersten Blätter fallen wird sich der Gartenhauptverantwortliche Gedanken über die Entsorgungsmöglichkeiten machen. Du hast nun zwei Möglichkeiten: Ab auf den Grünmüll oder du kümmerst dich selbst um deinen Dreck.

Ich bin ein Fan von Prozessen, besonders wenn sie nachhaltig und geschlossen sind. Hätte meine Frau kein Veto eingereicht, dann hätten wir heute eine Trockentoilette mit einem Kübel Sägespänen anstelle des Spülkastens. Die Grundfrage wäre somit beantwortet! So werde ich auch die Küchenabfälle los und spare mir außerdem die teuren und schweren Säcke Blumen- und Gartenerde aus dem Baumarkt.

Wie immer ist es jedoch nicht ganz so einfach. Nur alles zusammen auf einen Haufen (die Kompostmiete) zu werfen erweist sich schnell ästhetisch, olfaktorisch und hinsichtlich der Abbauprozesse als suboptimal. Nur wer die Nachbarschaft von Füchsen, Mardern und Fliegen genießt und schätzt wird mit den Resten vom Sonntagsbraten auf einem dampfenden Hügel hinterm Haus glücklich werden.

Es gibt ein paar Regeln, die eingehalten werden müssen, damit das Projekt gelingt:

  • Ausgewogenheit zwischen trockenem Strukturmaterial und fetten, nährstoffreichen Bestandteilen
  • Ausgeglichener Feuchtigkeits- und Temperaturhaushalt
  • Durchlüftung
  • Regelmäßiges Umsetzten

Zusammensetzung

Dies ist vor allem in einem jungen Garten keine einfach zu lösende Aufgabe. Grundsätzlich ist nämlich der meiste Küchenabfall auf der fetten / feuchten Seite. Der jungfräuliche Gartenfreund kann dem anfangs höchstens Rasenschnitt beifügen. Diese Mischung wird stinken! Und ich meine nicht diesen leicht unangenehmen, süßlichen Duft, den ein etwas überalterter Biomüll absondert. Wir sprechen hier von Jauchegrube Klasse 1.
Nicht falsch verstehen: auch dieser Haufen wird irgendwann dank Wurm & Co. wertvolle Erde liefern, aber der Weg dahin kann sehr grausam und dem nachbarschaftlichen Klima abträglich sein.

Recht bald wird der Garten aber genug dünne Äste, Reisig, Unkraut und Laub liefern, dass der Küchenabfall nicht mehr die Mehrheit darstellt. Und bezüglich des Rasenschnitts ist es empfehlenswert, diesen als Mulchmaterial an Obstbäumen und Hecken zu nutzen oder gleich mittels Mulchmähers (oder einfach etwas öfter mähen) auf der Rasenfläche zu belassen, da diese Mengen auf dem Kompost immer Schwierigkeiten machen werden. Bis es soweit ist, kann man sich von Freunden, Bekannten und Nachbarn etwas Grünmüll holen, den diese vielleicht sonst zum Depot bringen würden. Das wiederum kann dem Verhältnis sehr zuträglich sein.

Feuchtigkeit und Temperatur

Zwei Faktoren, die durch die richtige Position des Kompostes im Garten maßgeblich beeinflusst werden, sind Temperatur und Feuchtigkeit. Auch hier gibt es ein paar Dinge zu berücksichtigen:

  • Kontakt zum Boden, damit die abbauenden Lebewesen in den Haufen finden
  • Nicht zu viel Sonne, sonst ziehen sie im Sommer wieder aus
  • Keine Staunässe, die Würmer sollen nicht ersaufen
  • Nicht zu kühl / zugig, sonst verkürzt sich die Kompost-Saison möglicherweise empfindlich

Ideal ist also ein Platz in einer ruhigen Ecke des Gartens, am besten von der Krone eines Baumes vor zu viel Sonne und Regen geschützt. Wenn nun Sitz- und Spielbereiche – eigene, sowie die der Nachbarn – nicht in unmittelbarer Nähe liegen sind wir schon sehr nah am Optimum.

Manche Kompostianer schwören auf eine Abdeckung um übermäßige Hitze und Nässe zu vermeiden. Dem spricht nichts grundsätzlich entgegen, dann sollte man aber regelmäßig mit (abgestandenem) Wasser befeuchten. Eine Abdeckung kann auch dabei helfen, Tiere fern zu halten. Ich persönlich bin eher ein Freund der offenen Kompostführung.

Neugierige können auch einen Stock in die Miete stecken und einige Zeit dort lassen um die Temperatur in deren Zentrum zu überprüfen. Aber Vorsicht: bis zu 60° sind durchaus möglich!

Durchlüftung

Jetzt kommen wir zu dem Grund, warum ich die grünen, geschlossenen Systeme aus dem Baumarkt nur bedingt empfehle:

Ein gesunder Kompost braucht Luft.

Diese Systeme sind nicht schlecht, und besonders wenn wenig Material kompostiert werden soll durchaus auch eine gute Entscheidung. In Hinblick auf die stattfindenden Prozesse aber nicht ideal, denn die Bakterien und Insekten, die die Hauptarbeit leisten, brauchen Sauerstoff. Es passieren auch anaerobe Fäulnis-Prozesse, diese sind aber geruchsintensiv und dauern deutlich länger.

Einerseits hilft der aeroben Verrottung wenn die Wände nicht geschlossen sind, sondern aus Drahtgitter oder (Holz-)Latten mit entsprechenden Abständen bestehen. Andererseits ist es gut, wenn im Bodenbereich gröbere Äste sind, die etwas Luftzufuhr von unten zulassen – hier kommt auch die richtige Zusammensetzung (siehe oben) wieder zum Tragen. Die benötigten Mengen an „Frischluft“ sind eher gering. Wichtig ist, dass die entstehenden Gase austreten können und unverbrauchte Luft nachkommen kann.

Umsetzen

So, wir waren fleißig und haben in den vergangenen Monaten einen schönen, dampfenden Haufen gemacht. Dem aufmerksamen Beobachter wird aufgefallen sein, dass an den Rändern nicht viel passiert ist, während der Haufen im Kern ordentlich an Masse verloren hat. Irgendwann ist er trotzdem voll und es wird Zeit, die Biomasse umzuschichten. Erstens kommt so weniger verrottetes Material von Außen nach Innen. Zweitens bringt dieser Schritt wieder Sauerstoff in den Kern und setzt neuerlich eine Heißrotte in Gang, das wirkt sich unter anderem auch positiv – oder besser negativ – auf Schädlinge wie Maikäfer-Larven und Unkrautsamen aus. Drittens, sofern wir dabei eine neue Miete aufschichten, haben wir wieder Platz auf unserem Kompost für neuen Müll.

Die Systeme

Es gibt verschiedene Wege, wie man zu seiner selbstgemachten Gartenerde kommen kann und wie immer gibt es auch jemanden, der das richtige Werkzeug dafür verkauft.

Die grünen Androiden

In den Baumärkten werden alle möglichen Formen von Thermokompostern angeboten, die meisten grün mit 4-eckigem Grundriss. Die Idee hinter diesen Kisten ist, dass durch mehr oder weniger stark ausgeführte Isolierung der Außenwände die Temperatur im Inneren höher ist und eine schnellere Rotte einsetzt. In der Praxis scheitert diese Idee aber meistens an der fehlenden Frischluftzufuhr und zu wenig heterogener Befüllung. Auch ist das Umsetzen nicht immer ganz einfach, weil meistens die komplette Konstruktion zerlegt werden muss. Vorteilhaft sind diese Systeme vor allem für kleinere Gärten und Haushalte mit wenig Bioabfall, denen die sauber-sterile Optik gefällt.

Ruhige Kugeln

In letzter Zeit sind immer wieder Wunderkomposter aufgetaucht. In Kugel- oder Zylinderform erlauben sie die Durchmischung des Inhalts ohne eine Kompostgabel in die Hand nehmen zu müssen, einfach indem sie über den Rasen gerollt werden. Außerdem lassen sie sich einfach dorthin bringen, wo sie gerade gebraucht werden. Während ich die Idee einer bei Sturm im Garten herumrollenden Kugel unheimlich witzig finde, fehlt mir bei all diesen Systemen der Kontakt zum Boden. Microorganismen müssen manuell geimpft werden, Insekten und Würmer werden in solch einem System nie ansässig werden.

Keep it simple

Mein persönlicher Favorit ist tatsächlich die billigste Holzlatten-Konstruktion des nächsten Gartenbedarfnahversorgers. Diese einfachen Geräte halten wesentlich länger als man ihnen auf den ersten Blick zugestehen möchte, sie lassen rundum genug Frischluft hinein, haben oben eine riesige Öffnung durch die Material je nach Bedarf entnommen oder hinzugefügt werden kann und lassen sich einfach und schnell ab- und woanders wieder aufbauen. Zudem sehen sie im Verbund verdammt schick aus, aber dazu gleich mehr.

Optimierte Abläufe

Wir wissen nun einiges über diese sich selbst abbauende Masse im Garten hinterm Haus. Was man tun und lassen sollte, und wo das am besten geschieht. Manch einem wird das Umsetzten in einer Miete etwas umständlich vorkommen. Andere werden sich wiederum an der Tatsache stören, dass die gute, fertige Erde unter dem ganzen halbverrotteten Material liegt. Hier hat sich die Menschheit in den letzten paar tausend Jahren tatsächlich ein paar Gedanken dazu gemacht und ein Paar wirklich praktikable Lösungen erarbeitet.

Der Pragmatiker (Wenig Mist)

Eine Miete. Von oben befüllt und mit Geduld rasten gelassen. Gelegentlich wird mit der Gabel durchmischt, bis sich irgendwann unten feine, nach Wald reichende Erde absetzt. Diese wird bei Bedarf unten aus dem Komposter durch eine Klappe oder 2-3 entnommene Latten „geerntet“. Viel einfacher geht es tatsächlich nicht.

Der Skalierer (Mehr Mist)

Oft organisch aus dem Pragmatiker entstanden, steht der Skalierer einer zunehmenden Menge Rohmaterial gegenüber. Die Lösung ist so einfach wie naheliegend: Es werden einfach mehrere Komposthaufen nebeneinander angelegt. Die simpelste Möglichkeit ist, den bestehenden Komposter abzubauen und etwas versetzt wieder aufzubauen. Der alte Inhalt bleibt relativ formstabil an Ort und Stelle stehen und kann so fertigrotten. Nach genügend Zeit wird bis auf die oberste Schicht alles zu wertigem Humus umgesetzt sein.

Der Systematiker (Viel Mist)

Der Systematiker unterhält 3 Kammern, von denen die erste nach und nach gefüllt wird. Hat man ein anständiges Maß erreicht und hat das Rohmaterial offensichtlich schon den ersten Abbauprozess hinter sich, wird die Miete in die zweite Kammer umgeschichtet und durchmischt. Nach 2-3 Mal hat auch die zweite Kammer ihr Soll erreicht, der gesiebte, feine Kompost kann in der dritten Kammer fertig reifen und auf seinen Einsatz warten. Die groben Bestandteile können in der ersten Kammer wieder unter den frischen Grünmüll gemischt werden. Durch die regelmäßige Umschichtung verrottet dieses System sehr vollständig und man hat immer gut gelagerten Kompost zu Hand.

Der Perfektionist (High-End-Mist)

Jetzt kommen wir zur Kür der organischen Abfallverwertung! Prinzipiell agiert der Perfektionist identisch mit dem Systematiker, sein Ablauf wird aber durch einen vorgelagerten Schritt verfeinert. Alle Küchenabfälle, auch gekochtes Fleisch, werden zunächst in einem luftdichten Kunststoffeimer mit Gitterboden (Bokashi) gesammelt. Anschließend vergären diese für mindesten 3 Wochen unter leichtem Druck an einem kühlen Ort, während die Flüssigkeit immer wieder abgelassen wird. Erst dann kommt das leicht säuerliche Produkt auf den Kompost. Der Rest bleibt wie gehabt. Diese Variante beschleunigt die Kompostierung von Küchenabfällen erheblich und verdirbt Mardern und Füchsen den Appetit.

Viel Spaß beim Nachkochen!